David de Pury

David de Pury:
Die umstrittene Erbschaft der Stadt Neuenburg

Erinnert an… den Neuenburger Handelsreisenden, Unternehmer und Bankier David de Pury (1709-1786).

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Eckdaten

Ort:Place Pury, 2000 Neuchâtel (NE)
Art:Personendenkmal
Einweihung:1854
Material:Bronze

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Im Jahr 1786 verstarb David de Pury, Neuenburger mit preussischem Adelstitel und englischer Staatsbürgerschaft, 77-jährig und kinderlos in Lissabon. Obwohl er den grössten Teil seines Lebens im Ausland verbracht hatte, vermachte der Bankier und Unternehmer den Grossteil seines Vermögens seiner Heimatstadt Neuenburg. Diese errichtete mit dem beachtlichen Betrag von über 300 000 portugiesischen Cruzados (nach heutiger Schätzung ca. 600 Millionen Franken) mehrere bedeutende Bauwerke, darunter Schulen und ein Rathaus. 1855 wurde auf der «Place Pury» im Zentrum Neuenburgs eine bronzene Statue als Zeichen der Dankbarkeit für den städtischen Wohltäter errichtet. Wie also kam es dazu, dass der  bronzene Pury 165 Jahre später, im Morgengrauen des 13. Juli 2020, mit roter Farbe beschmiert erwachte?

«Ein Denkmal für die BekämpferInnen des Kolonialismus, nicht für SklavenhändlerInnen»

Bereits vor dem Sommer 2020 stellen kritische Stimmen das Narrativ von David de Pury als makellosen Wohltäter in Frage: So forderte die «Liste libre» 1988 die Stadt Neuenburg auf, symbolisch Kompensation für Purys wirtschaftliche Verstrickungen in den Sklavenhandel zu leisten. Über einen Fonds sollte sie die Entwicklungsbeiträge insbesondere an Zentral- und Südostafrika jährlich um 100'000 Franken erhöhen. Die Stadt lehnte das Anliegen ab.

Die Urheber*innen des Farbanschlags vom Juli 2020 erklärten in einer Pressemitteilung mit dem Titel «Ein Denkmal für die BekämpferInnen des Kolonialismus, nicht für SklavenhändlerInnen», dass die rote Farbe für das Blut der Sklav*innen stehe, durch die Pury sein Vermögen aufgebaut habe. Sie forderten die Entfernung der Statue, oder  deren Versetzung ins Museum – unter Beibehaltung der roten Farbe. Obwohl die Farbe am Morgen des gleichen Tages wieder entfernt wurde, berichteten mehrere Medien über die Aktion.

Bereits im Vorfeld war das Denkmal von de Pury zum Diskussionsgegenstand geworden. Im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung lancierte ein «Collectif pour la mémoire» im Juni 2020 eine Online-Petition, welche die Entfernung der Statue forderte. An ihrer Stelle solle eine Tafel all jenen Menschen gedenken, die unter Rassismus und weisser Vorherrschaft litten und leiden. Die Petition wurde mit rund 2500 Unterschriften bei der Stadt Neuenburg eingereicht. Im August überreichte der Grossrat eine zweite entsprechende Petition eines FDP-Ratamitglieds an die Neuenburger Stadtkanzlei.

Sklavinnenhändler, Sklavenprofiteur – Wortklauberei?

Nebst der Forderung, die Statue aus dem öffentlichen Stadtzentrum zu entfernen, gibt es die Idee eines «Gegendenkmals», entworfen in einem Kunstwettbewerb. Es gibt aber auch Stimmen, die kritisieren, Purys Verwicklungen in die Sklaverei würden übertrieben dargestellt. Was also sagen Historiker*innen dazu? Obwohl sie Purys Beteiligung am Sklavenhandel anerkennen, verfügen sie über zu wenig Informationen, um dessen Anteil an seinem Vermögen zu schätzen. Nach aktuellem Wissensstand handelte zwar Pury nicht selbst direkt mit Sklavinnen. Er war allerdings stark in den Handel mit brasilianischem Edelholz und Diamanten involviert, zu deren Gewinnung Sklaven eingesetzt wurden, und hielt Aktien eines Unternehmens, welches Sklavenhandel betrieb.

Die jüngsten Aktionen dienen jedoch einem anderen Zweck: Sie bringen die dunklen Facetten von Purys Werdegang ans Tageslicht, die durch seine Verehrung als Wohltäter lange Zeit unsichbar waren.

Denkmäler als gesellschaftliches Konfliktfeld

Die Kontroverse um David de Pury steht für die Debatte um Erinnerung im öffentlichen Raum, welche die «Black Lives Matter»-Bewegung auf internationaler Ebene entfacht hat: Denkmöer, die einen Bezug zur kolonialen Vergangenheit haben, sind zu einem  gesellschaftlichen Konfliktgegenstand geworden. Einige Gruppen betonen den Erinnerungswert, der mit der Präsenz von Figuren im öffentlichen Raum verbunden ist, die heute für Formen der Diskriminierung stehen. Andere kritisieren den Anachronismus der Anprangerung einer Tätigkeit - der Sklaverei und des Sklavenhandels - die ihrerzeit Zeit als legal angesehen wurde.

Quellen

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44%
würden das Denkmal so lassen.
56%
würden das Denkmal verändern.
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Autorin Christina Graf
Christina Graf
Kommunikation SAGW
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